Hybrides Lernen

Überlegungen aus der Praxis

Wie kann eine Verzahnung von Präsenzunterricht und Lernen auf Distanz gelingen? 

Die Dringlichkeit einer Antwort auf die Frage, wie denn nun ein gewinnbringendes hybrides Lern- und Unterrichtskonzept, also eine Verzahnung von Präsenzlernphasen in der Schule und Lernen von einem anderen Ort (Distance Learning) aussehen könnte, ist in den letzten Monaten deutlich gestiegen. Die folgenden Ausführungen zu diesem Themenkomplex integrieren persönliche Überlegungen sowie bisherige Erfahrungen mit hybridem Lernen.

Vorüberlegungen

Schulen an sich sind heterogen. Sie greifen auf individuelle technische Schulausstattungen, verschiedene Lehrkräfte (und deren technische Ausstattung) sowie verschiedene Schülerinnen und Schüler (und deren technische Ausstattung) zurück, zudem weisen sie verschiedene Konzepte vor. In diesem Kontext lässt sich die Forderung nach Dienstrechnern, Lernendengeräten, WLAN, aber auch geeigneten Lernorten und -räumen nennen. Hinzu kommt die Auswahl geeigneter Systeme (Software), mit denen gearbeitet werden soll, bei denen nicht nur die Funktionalität und Handhabbarkeit, sondern auch der Datenschutz eine wesentliche Rolle spielt. Aber nicht nur die Hardware und Systeme machen Schulen heterogen, sondern auch die Haltung aller Beteiligten gegenüber der (schulischen) Digitalisierung und Veränderungsprozessen generell. Was weiterhin zu berücksichtiges ist, ist die Überzeugung der Selbstwirksamkeit, also die Zuversicht, (Digitalisierungs)Prozesse erfolgreich bewältigen zu können, was u.a. eng mit der Motivation verknüpft ist (Krapp/Ryan 2002, 57f.). Alle diese Aspekte sind in einen rechtlichen Rahmen eingebunden, der individuelle Umsetzungen einzelner Schulen absteckt. 

Elemente des hybriden Lernens

Was meinen wir, wenn wir von Präsenzunterricht oder Distanzlernen sprechen? Um das zu klären, wird im Folgenden umrissen, welches Verständnis einzelner Begriffe für diesen Beitrag vorliegt.

  1. Präsenzunterricht oder auch Präsenzlernphase wird grundsätzlich verstanden als als Lernen und Unterrichten, bei dem die Lehrkraft und die Lernenden sich am selben analogen, physischen Ort befinden. Für den Präsenzunterricht ergeben sich folgende Gestaltungsmöglichkeiten:

   a) mit digitalen (und online) Elementen, z. B. durch digitales Material

   b) ohne digitale Elemente

2. Unter Lernen auf Distanz werden all diejenigen Elemente gefasst, bei denen Lernende und Lehrkraft sich an physisch (analog) verschiedenen Plätzen befinden. So ergeben sich für den Distanzunterricht folgende Ausdifferenzierungen: 

 a) Videobasierter Unterricht mit einer Lehrkraft

b) Videobasiertes Lernen ohne Lehrkraft, d.h. digitale Lernphasen in Partner- oder Gruppenarbeit

c) Analoges Lernen in Einzel-, Partner- oder Gruppenarbeit, bei der die Lehrkraft für Nachfragen (z. B. punktuell über einen Chat) erreichbar ist

d) Analoges Lernen ohne Lehrkraft in Einzel-, Partner- oder Gruppenarbeit ohne direkten Zugriff auf eine Lehrperson

Auch für die benannten Arten von Lernen auf Distanz können folgende Gestaltungsmöglichkeiten ausgemacht werden:

  • mit (weiteren) digitalen (und online) Elementen (z. B. interaktives Material)
  • ohne weitere digitale Elemente (analoges Material, z. B. Schulbuch)

Ein Stundenplan für ein hybrides Lern- und Unterrichtskonzept

Möchte man flächendeckend hybrides Lernen implementieren, ist es sinnvoll, dafür ein entsprechendes Stundenplansystem zu schaffen. Dieser Stundenplan sollte der Tatsache Rechnung tragen, dass Distanzlernphasen jeglicher Art, wie auch im vorangegangenen Abschnitt beschrieben, im Stundenplan angemessen widergespiegelt werden. Das bedeutet, videobasiertem Unterricht einen Rahmen im Stundenplan zuzuschreiben (z. B. durch die Zuordnung von Tagen und Klassen/Stufen). Auch ,,Haus“-Aufgaben bzw. weitere Elemente des Lernens auf Distanz, wie vorangegangen dargelegt, könnten einen neuen Stellenwert bekommen. Aus den Überlegungen ergeben sich folgende Vorschläge:

  • Feste Tage für Klassen/Jahrgangsstufen
  • Entsprechende Zuordnung von Lehrkräften zu ausgewählten (mehreren, aber nicht allen) Klassen/Jahrgangsstufen
  • Einführung von klassen- und jahrgangsstufenspezifischen ,,Distanzlerntagen“, die in bestimmten Zeitfenstern durch eine Lehrkraft betreut werden können, damit eine Form von Lernen auf Distanz (siehe oben) mit der Lehrkraft ermöglicht wird.

Organisation von videobasiertem Unterricht

Videobasierter Unterricht im Kontext von Distanzlerntagen könnte auf verschiedene Art und Weise organisiert werden:

  • Fachlehrerinnen und Fachlehrer einer Klasse vereinbaren feste Termine für ein Fach im Abgleich mit ihren Stundenplänen sowie den Plänen der Klassen- und Jahrgangsstufen. Diese Termine gelten über eine vorher festgelegte Wochenanzahl und werden zu einem vereinbarten Zeitpunkt in ihrer Umsetzbarkeit überprüft und ggf. angepasst.
  • Fachlehrerinnen und Fachlehrer einer Klasse legen individuelle Termine wochenweise fest. Dies kann durch ein digitales Buchungssystem möglich gemacht werden, z.B. indem über ein Tool Lehrkräfte für jede Klasse digital ihre Zeiträume eintragen, was für alle übersichtlich nachvollziehbar ist. Für so etwas eignen sich beispielsweise die Tools Trello oder Padlet, leisten kann dies aber auch ein Office-Dokument (oder entsprechende Alternativen), das mit allen geteilt wird.

Merkmale hybriden Lernens

Im Sinne der Meyerschen Grundüberlegungen wird im Anschluss versucht, die zehn Merkmale guten Unterrichts für das hybride Lernen zu konkretisieren. 

1. Klare Strukturierung:

Die Grundlage für eine klare Strukturierung sollte auf der organisatorischen Ebene durch die Konstruktion eines entsprechenden Stundenplans geschaffen werden. Auf didaktischer Ebene geht es um eine sinnvolle Verzahnung der Distanzlernphasen sowie des Präsenzunterrichts. Dieses kann orchestriert werden durch eine (fächerweise) klare und eindeutige Ansprache beispielsweise darüber, …

  • welche Aufgaben in welchen Phasen zu welchem Zweck eingesetzt werden
  • wann Aufgaben verteilt sowie abgegeben werden sollen
  • in welcher Weise/in welchen Systemen die Aufgaben/oder Teilaufgaben abgegeben bzw. hochgeladen werden sollen (Stichwort: Lernmanagementsysteme)
  • welche Hilfestellungen wie eingeholt werden können
  • wann und wie Zwischenergebnisse/Aufgaben präsentiert und besprochen werden

2. Echte Lernzeit

Präsenz- und Distanzlernphasen sollten maximal effektiv zum Lernen genutzt werden. Das ist dadurch möglich, dass generell organisatorische Fragen, Fragen zur Unterrichtsstrukturierung, aber auch zur Aufgabenstellung so weit minimiert werden, dass eine maximal inhaltliche Arbeit möglich wird. Das ist durch eine klare Kommunikation, z. B. über Abläufe, Rollen und Funktionen sowie eine Auslagerung weiterer grundsätzlicher Fragen durch digitale Kommunikationskanäle oder feste Fragezeiten möglich (Idee: digitale Sprechstunde).

3. Lernförderliches Klima

Beim hybriden Lernen werden Beziehungen nicht nur in der (analogen) face-to-face Kommunikation, sondern auch durch die Kommunikation über digitale Kanäle gepflegt. Dazu zählen gegenseitiger Respekt durch eine klare Haltung gegenüber Mobbing, eine lernförderliche Fehlerkultur, Einhaltung von Regeln und Gerechtigkeit gegenüber jedem Einzelnen (Meyer 2004, 47f.). Die Initiation von kollaborativen Phasen, aber auch kleine Spiele und Unterhaltungen, die über Unterrichtsinhalte hinausgehen, können im Distanzlernen sowie im Präsenzunterricht zu einem lernförderlichen Klima beitragen. Zudem wird im Klassenchat, in Videokonferenzchats o. Ä. respektvoll und gewaltlos miteinander kommuniziert.

4. Inhaltliche Klarheit

Inhaltliche Klarheit bezieht sich auf die Aufgabenstellung, den thematischen Stundengang sowie die Ergebnissicherung (Meyer 2004, 55). Sie liegt vor, wenn Transparenz über die Funktion der jeweiligen Phasen (wozu soll welche Phase im Präsenz- oder Distanzunterricht genutzt werden – z. B. Erarbeitung, Übung, Vertiefung) sowie für die Formulierung von Aufgaben hergestellt wird. Hier können auch agile Konzepte, wie Kanban oder eduScrum einen möglichen Rahmen bieten.

5. Sinnstiftendes Kommunizieren

Sinnstiftendes Kommunizieren umfasst die Etablierung einer Gesprächskultur, bei der Lernende ihre Interessen einbringen sowie vorhandenes Wissen mit neuem Wissen verknüpfen (Meyer 2004, 67f.). Die Initiation von Gesprächen kann durch das Einrichten von digitalen Kleingruppen in bei Videokonferenztools oder Systemen wie Teams erfolgen. Eine Praxis des Peer-Feedback unterstützt und initiiert zudem sinnstiftende Gespräche. Diese können durch digitale Medien auch über Distanzen hinweg synchron sowie asynchron medial schriftlich geführt werden. Wichtig bleibt natürlich eine sinnstiftende Gesprächskultur im Präsenzunterricht mit allen, Teilgruppen oder einzelnen Lernenden.

6. Methodenvielfalt

Methodenvielfalt meint eine Variation der Grundformen des Unterrichts (individualisierend, lehrgangsförmig, kooperativ, gemeinsam), der Verlaufsformen (Einstieg, Erarbeitung, Sicherung) und Handlungsmuster (Meyer 2004, 77) sowie der Sozialformen. Beim hybriden Lernen können unter anderem gewinnbringend eingesetzt werden: Projektarbeit, Flipped Classroom, jegliche kollaborative Arbeitsformen, z. B. Breakouts. Agiles Arbeiten mit Kanban oder eduScrum (siehe auch Punkt 4) kann dem Unterricht einen weiteren Rahmen geben.

Wanda Klee, Axel Krommer und Philipp Wampfler konkretisieren in ihrem Beitrag zu Impulse für das Lernen auf Distanz weiterhin, wie eine offene Projektarbeit in der Praxis aussehen kann. Weiterhin gibt Jan Martin Klinge auf seinem Blog Hinweise zur Konstruktion und Integration von Projektunterricht (inkl. Link zum Buch).

7. Individuelles Fördern

Individuelles Fördern bezieht sich auf alle Leistungsniveaus. Durch digitale Medien wird die individuelle Förderung auf eine neue Weise möglich. Sie kann durch differenzierende Aufgaben, interaktives Material, sowie die gesamte Anlage des Unterrichts (z. B. durch offene Formen) erfolgen. In der Zukunft werden adaptive Lernprogramme in diesem Bereich eine entscheidende Rolle zur Weiterentwicklung der individuellen Förderung spielen.

8. Intelligentes Üben

Intelligentes Üben findet statt, wenn die Erarbeitungs- oder Aneignungsphase halbwegs abgeschlossen ist. Es dient der Automatisierung, der Qualitätssteigerung sowie dem Transfer. Lerngegenstände haben für die Lernenden eine subjektive Bedeutung, die Übungsmethoden werden variiert sowie Übungen regelmäßig wiederholt, wobei der zeitliche Abstand ausgedehnt wird (Meyer 2004, 104f.). Intelligentes Üben ist somit eng mit der Konstruktion und zeitlichen Bearbeitung von Aufgaben verknüpft. Aufgaben werden so gestellt, dass sie vielfältig und relevant erscheinen sowie eine zeitliche Umwälzung und Vernetzung des Gelernten in regelmäßigen Abständen – in Präsenz- sowie in Distanzlernphasen – ermöglichen.

9. Transparente Leistungserwartung

Da Phasen des Lernens auf Distanz beim hybriden Lernen gegenüber einer 5-Tages-Präsenzschulwoche erhöht sind, sind transparente Leistungserwartungen, angelehnt an die Kernlehrpläne, umso wichtiger. Diese, beispielsweise in Form von Checklisten oder Kriterienkatalogen, zugänglich zu machen, ist sicherlich in diesem Kontext besonders wertvoll. Regelmäßige Lernfortschritte sollten in einer klaren Form zügig zurückgemeldet werden. Weiterhin gilt auch für hybrides Lernen bisher weiterhin, dass am Ende eine schriftliche Leistungsüberprüfung erfolgt. Damit sind transparente Leistungserwartungen und Lernrückmeldungen zentral, um die Anforderungen unter den neuen, komplexen Bedingungen zu verdeutlichen. 

10. Vorbereitende Lernumgebung

Beim hybriden Lernen gibt es unterschiedliche Orte, an denen gelernt wird. In der Fernumgebung muss der Lernende sich selbst einrichten und organisieren, weshalb eine grundsätzliche Anleitung und Unterstützung dafür von Lehrkräfteseite, aber auch die Unterstützung durch die Elternseite, notwendig erscheinen. Hierzu zählen die zeitliche Selbstorganisation, die Wahl eines ruhigen Raumes, die Ordnungsstruktur des gewählten Arbeitsplatzes sowie die Bereithaltung von (analogen und digitalen) Lernwerkzeugen (Meyer 2004, 121). Dafür könnten fächerübergreifende Workshops für die Lernenden angeboten werden, in denen solche Aspekte thematisiert, diskutiert und als Routinen eingeübt werden. Sollte dies nicht greifen, könnte weitere Unterstützung durch ein individuelles Lerncoaching erfolgen.

Wenn du an weiteren Beiträgen zum Thema ,,Distance Learning“ interessiert bist, klicke hier.

Quellen:

Klee/Krommer/Wampfler (2020): Impulse für das Lernen auf Distanz. Online hier verfügbar. [eingesehen am 24.06.20]

Krapp/Ryan (2002): Selbstwirksamkeit und Lernmotivation. In: Hopf/Jerusalem (2002): Selbstwirksamkeit und Motivationsprozesse in Bildungsinstitutionen. Zeitschrift für Pädagogik, 44. Beiheift, S. 54-82.

Meyer, Hilbert (2004): Was ist guter Unterricht? Cornelsen Scriptor. Hier geht’s zum Buch (neue Auflage).

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